Ein Interview
Ich (Katja Dummer) habe mir Gesprächspartner gesucht, Tamam Alakraa und ihren Sohn Ahmad Idriss, die mir helfen möchten, die Situation der Geflüchteten in Wuppertal einzuordnen. Tamam ist Ende 50 und arbeitet als arabische Sprachlehrerin. Ahmad studiert dual Sozialarbeit und arbeitet dabei in verschiedenen Abteilungen der Stadt Wuppertal. Er übersetzt manchmal für uns und in Gesprächen versuchen wir oft, die Kultur des bzw. der anderen zu verstehen.
Wo kommen die Menschen zurecht, die vor sieben Jahren aus Syrien gekommen sind?
Am Anfang gab es nur Probleme. Die Behörden, das System Schule, das System Ausbildung, alles war kompliziert. Es gab wenig Sprachkurse vor allem für Frauen, sie waren gar nicht in der Lage, das System zu begreifen. Aber inzwischen kommen die meisten zurecht. Sie finden ihren eigenen Weg in Deutschland. Sie denken an die Zukunft, an Einbürgerung. Viele Syrer*innen sind an ehrenamtlich arbeitenden Initiativen angebunden, wie das Sophiencafé. Mindestens eine Person in der Familie kann genug Deutsch, um die meisten Probleme zu lösen. Wenn es unverständliche Briefe oder Probleme mit Behörden, dann melden sie sich bei euch. Ihr seid sozusagen die Feuerwehr, man ruft sie nur, wenn es brennt. Die Männer gehen arbeiten, wenn nicht in ihrem ursprünglichen Beruf, dann vielleicht als Paketfahrer. Über Arbeit erhält man gesellschaftliche Anerkennung, man findet seinen Platz – bzw. den Platz für die Familie – im gesellschaftlichen Gefüge.
Wie ist das mit der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau?
Viele ehemals Geflüchtete leben hier mit ihrer ganzen Familie. Oft kommen Frauen zu uns und erzählen von Trennung. Probleme zwischen den Partnern hat es meist schon in der Heimat gegeben. Dort hat aber die Großfamilie geholfen und zusammengehalten. Aber die Flucht, das Ankommen und oft auch Corona verstärken die Probleme. Für manchen bildungsfernen Mann, der in Syrien das unangefochtene Oberhaupt der Familie war, der dort gearbeitet und die Familie versorgt hat, ist das System in Deutschland nicht durchlässig genug. Er scheitert am Erlernen der deutschen Sprache. Damit bleibt ihm der Weg in den Arbeitsmarkt verwehrt. Das System Familie gerät aus den Fugen. Die Frauen finden sich im System von Kindergarten und Schule zurecht für ihre Kinder. Auch wenn das mit der Sprache mehr schlecht als recht klappt, lassen sie sich in den ehrenamtlichen Cafés helfen, erledigen die Behördengänge, bekommen endlich doch einen Sprachkurs, beginnen sogar Praktika oder suchen sich einen Minijob. Die Männer bleiben auf der Couch, werden krank – psychisch und physisch. Mit der neugewonnen Sicherheit der Frauen, bricht manchmal die Ehe auseinander. Es sei denn, der Druck der Familie aus Syrien ist so groß, dass man sich nicht trennen kann. Dann wird Integration schwieriger, weil man sich zu sehr auf das Miteinander und Gegeneinander konzentriert, als auf das Ankommen.
Möchten die Frauen arbeiten gehen so wie die deutschen Frauen?
Es ist gar nicht so leicht, Arbeit in Deutschland zu finden, wenn man ein Kopftuch trägt. Viele Arbeitgeber*innen haben da Vorurteile. Viele Frauen
haben in Syrien in Behörden, im Familienbetrieb oder im Krankenhaus gearbeitet. Sie haben Pharmazie, Mathematik, Chemie, Pädagogik oder Sozialpädagogik studiert. Sie beantragen hier in Deutschland die Anerkennung ihrer Zeugnisse, beginnen zu arbeiten. Viele der etwas älteren Frauen sind Lehrerinnen, die Mühe haben, ihren Abschluss anerkannt zu bekommen. Hier scheint das deutsche System nicht durchlässig genug zu sein: trotz Lehrer*innenmangel können die qualifizierten Menschen nicht eingesetzt werden. Auch ein beruflicher Quereinstieg, für den ein hohes Deutschniveau und Weiterbildungen notwendig sind, ist schwierig, wenn man gleichzeitig durch die Familie eingespannt ist. Dann bleibt man lieber zuhause. Tamam ist auch Lehrerin. Sie hat Glück gehabt, sie gibt den Kindern Arabischunterricht, die dadurch einen Abschluss in einer zweiten „Fremd“sprache erwerben können.
In den meisten Familien in Deutschland gehen heute beide Eltern arbeiten. Mit nur einem Gehalt lässt sich die Wohnung und das Lebensnotwendige oft kaum finanzieren. Viele Frauen möchten arbeiten, aber erst kommt die Familie. Und die letzten beiden Corona-Jahre haben viele Frauen verschreckt: Das staatliche System der Kinderbetreuung hat sich als zu unzuverlässig erwiesen. Wer passt auf die Kinder auf, wenn man arbeitet, Kinder wegen Corona zuhause bleiben und man keine Oma in der Nähe hat, die einspringen kann. Eine Herausforderung, der sich viele Familien stellen müssen.
Ein Fazit aus dem Interview.
So ein Gespräch ist ein Geschenk. Es ist wie das Öffnen einer Tür, um unsere gemeinsame Welt besser zu verstehen. Wir verabreden uns, dass wir
mehr Türen öffnen möchten. Wir möchten einander und in einem größeren Rahmen einander mehr erzählen. Von unseren Traditionen und Festen. Sollten reden das Thema Kinderziehung und über familientauglichere Arbeitszeitmodelle.
Im Sophiencafé geht es nicht nur um schnelle Hilfe. Im geschützten Raum der Kirche lernen wir über einander und können Multiplikator*innen werden, um unser Zuhause in Wuppertal zu verbessern.
Eine Momentaufnahme: ein Rundgang durchs Sophiencafé
Das Sophiencafé International ist ein offenes Angebot für Menschen in Wuppertal. Ich stelle mir vor, wie Sie, die Sie gerade dieses Sophienjournal lesen, zu uns an einem Donnerstag ins Café kommen, vielleicht so um 17 Uhr. Im Café selbst gibt es Kaffee und Kekse. An einigen kleinen Tischen sitzen zwei oder drei Personen mit viel Papier zwischen sich. Es geht um Anträge und Briefe (Jobcenter, Behörden, Kindergarten, Schule, Krankenkasse, Energieversorger und noch vieles mehr). Meist terminieren wir diese Gespräche schon am Tag vorher, oft vier bis fünf Beratungen pro Nachmittag. Am großen Tisch sitzen mehrere arabische und deutsche Frauen und reden über ein Alltagsthema. Zwischendurch werden Vokabeln aufgeschrieben. Die meisten Frauen haben inzwischen einen Deutschkurs, aber keine Gelegenheit, wirklich zu reden. Mit uns können sie die Sprache
trainieren. Oft geht es hier lustig zu, wir tauschen uns aus über unsere Feste, unsere Traditionen, unseren Alltag.
An manchen Donnerstagen gibt es dort auch eine Erziehungsgruppe für arabisch sprechende Frauen, geleitet von der Pädagogin Hanan Alali. Sie kommt aus Palästina und hat viele Jahre Beratungs- und Spielgruppenerfahrung. Es geht auch hier ums Ankommen, ums Zurechtkommen in der neuen Heimat ohne die arabische Großfamilie, die zuhause in Syrien Erziehungstraditionen weitergegeben und sicher die Mutter in ihren Aufgaben entlastet hätte.
Im Nebenraum geht es laut zu. Unser deutsch-arabisches Kinderbetreuungsteam beschäftigt und betreut hier zwischen vier und zwanzig Kinder unterschiedlicher Nationalitäten. Es wird gebastelt, in der Spielküche gekocht, getobt und Karten gespielt, gelesen, Hausaufgaben gemacht und Mathe gelernt.
Im großen Saal sitzen ukrainische Frauen und Jugendliche mit Ehrenamtlichen. Emsig wird hier Deutsch gelernt. Ungewiss ist die Zukunft der erst vor kurzem geflüchteten Familien, aber die Sprache zu lernen ist wichtig. Vielleicht müssen wir dieses Angebot bald umstellen, wenn die Kinder einen Schulplatz und die Frauen einen Deutschkurs haben. Vielleicht werden wir dann auch mit dieser Gruppe einen Schwerpunkt auf Kommunikation setzen.
Im Sitzungszimmer sitzt eine weitere Gruppe beim Deutschunterricht. Afrikanische Studierende aus Nigeria oder Kamerun, die in der Ukraine schon Medizin, Wirtschaftswissenschaften oder IT studiert haben, sind ebenfalls nach Deutschland geflohen. Sie sind nicht aus ihrem eigenen Land geflüchtet, aber vor demselben Krieg, wie die Frauen im Nebenraum, und während die überall sehr willkommen geheißen werden, ist die Zukunft der afrikanischen Studierenden völlig unklar. Dürfen sie bleiben und studieren? Ihr Status ist nicht geklärt. In Deutschland gibt es in vielerlei Hinsicht im Augenblick ein Zweiklassensystem der Geflüchteten, ein Mehrklassensystem von Menschen: Die ukrainischen Geflüchteten dürfen direkt arbeiten, müssen keinen Asylantrag stellen, werden überall unterstützt. Und so sollte es ja auch sein. Die Menschen, die vor demselben Krieg geflüchtet sind, aber aus Drittstaaten kommen, die ebenfalls ihren Laptop, den sie zum Studieren brauchen, ihre Kleidung, ihr Geld, ihr Leben, ihre Zukunft, ihre Träume in der Ukraine zurückgelassen haben, die sind hier übergangsweise geduldet.
Der afghanische minderjährige Geflüchtete, der vor dem Bürgerkrieg und dem Terror im Land irgendwie in Wuppertal gelandet ist, muss sich – bzw. sein neuer Vormund – mit einer Strafanzeige auseinandersetzen, weil er illegal das Land betreten hat. Andere werden plötzlich – oft in Nacht- und Nebelaktionen - abgeschoben, obwohl sie schon seit vielen Jahren integriert sind, eine Ausbildungs- oder Arbeitsstelle haben. Als evangelische
Kirche in Wuppertal machen wir uns mit Unterstützung der Fachleute in der Migrationsberatung der Diakonie an vielen Stellen stark für Menschenrechte, wenn wir wissen, dass die Rückkehrsituation unmenschlich ist. Gewähren sogar monatelang Kirchenasyl, was für die Betroffenen und die Unterstützenden unglaublich anstrengend ist.
Doch zurück zu den afrikanischen Studierenden in unserer Kirche. Wir lernen deutsche Verben und fragen uns als deutsche Ehrenamtliche, die noch nie Deutschunterricht gegeben haben, warum es eigentlich starke und schwache Verben gibt, warum Artikel im Deutschen der/die/das sind und ob es dafür wohl Regeln gibt. Wir vergleichen unsere Grammatik mit der englischen und der französischen Grammatik und haben großen Respekt für die, die unsere Sprache lernen. Dabei ist es hilfreich, dass das ehrenamtliche Team nicht nur aus Deutschen sondern auch zwei Syrern besteht, die vor sieben Jahren nach Deutschland gekommen sind und sich jetzt einbringen etwas zurückgeben möchten. Wie wunderbar, wenn unsere Arbeit so erfolgreich ist.
Der Rundgang ist beendet. Wir blicken noch einmal zurück auf sieben Jahre Arbeit im Sophiencafé International. Vor Corona haben wir einen Schwerpunkt auf Begegnung gelegt und donnerstags Kuchen gebacken und Kaffee getrunken. Während der Lockdowns und Beschränkungen haben wir nur beraten. Jetzt ist gerade Sprache dran. Aber die Beratung bleibt ein wichtiges Angebot und es uns wichtig, auf Augenhöhe zu arbeiten. Auch wenn wir als Teamer*innen natürlich diejenigen sind, die nach sieben Jahren Beratungsarbeit einfach einen Wissensvorsprung im Behördendschungel haben (und immer wieder dazu lernen müssen, seufz) und Deutsch unsere Muttersprache ist, versuchen wir Handlungsoptionen zu eröffnen, soweit das möglich ist. Wir müssen akzeptieren, wenn wir unsere Entscheidungen ggf. anders treffen würden. Besonders beim Thema Arbeit und Ausbildung ist eine hohe Sensibilität nötig, denn wenn wir mit unseren deutschen Ideen und kulturell geprägten Werten an die Arbeitssuche gehen, dann scheitern wir. Tatsächlich macht das deutsche System den Arbeitsuchenden den Übergang vom Jobcenter-Leistungsbezug in die Arbeit nicht leicht. Außerdem reicht das Geld für Ungelernte mit mehreren Kindern und einer entsprechenden Miete nicht. Welche Zuschüsse es dann gibt, das erklärt einem freiwillig leider keiner. In der Pandemie waren die Ämter fast zwei Jahre lang nur über Telefon und Email erreichbar. Spricht man nicht so gut Deutsch, dann ist die Kommunikation womöglich in Beamtendeutsch über diese Medien fast unmöglich.
Ehrenamtlich arbeiten und Ehrenamtliche suchen
Unsere Beratung hat, so wird uns versichert, ein hohes Niveau, aber wir sind und bleiben ehrenamtlich Aktive. Vernetzung in der Stadt ist unglaublich
wichtig für uns, genauso wie die Vernetzung untereinander. Es kann nicht jede*r alles wissen, wir haben Schwerpunkte und helfen einander. Der Eine möchte gern Deutschunterricht geben, die Andere mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Manche brauchen Strukturen, andere lassen sich auf das Chaos im Kidsraum ein – und für jede helfende Hand sind wir dankbar, denn Arbeit gibt es meist genug. Außer wenn das Wetter schlecht ist, dann kommt vielleicht keiner und das muss man auch aushalten.
Unsere Motivation
Diakonische Arbeit ist in unserer Gemeinde schon immer ein Schwerpunkt gewesen. Als wir vor sieben Jahren angefangen haben mit dem Sophiencafé International, da war unsere christliche Motivation im Presbyterium ganz klar: Wir wollten die unterstützen, die neu nach Wuppertal kamen, geflüchtet vor schrecklichen Kriegen und Menschenrechtsverletzungen. Ihnen eine Heimat geben. Ein VEM-Plakat mit einer Giraffe, die einsam herausragt aus einer Herde viel kleinerer Schafe, hing damals in unserer Kirche: „Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.“ (Matthäus 25, 35). Heute helfen wir immer noch, aber das Bild, die Motivation, hat sich ein wenig verändert. Vielleicht würden wir ein Bild von vielen unterschiedlichen Geschöpfen Gottes wählen, die zusammen, klein und groß, an einer Oase stehen. Die Oase, das ist unsere Sophienkirche, ein geschützter Raum. Wir arbeiten hier im Kleinen an einem guten Miteinander auf Augenhöhe, lernen einander kennen und sorgen hoffentlich für den Grundstein eines guten Miteinanders auch in der Gesamtgesellschaft. Wir stärken die Kinder und die Erwachsenen, stärken uns gegenseitig, reflektieren im Gespräch unser Leben in unserer Gesellschafts-Bubble, wie man heute so schön sagt, und verändern dadurch etwas bei uns allen. Deutschland ist ein Zuwanderungsland, unsere Gesellschaft auch in Wuppertal ist längst heterogen und multikulturell. Es war Gottes Wille und nicht mein individueller Verdienst, dass ich - ohne eigenes Zutun - in dieses reiche Land mit einem unglaublich starken sozialen Netz und funktionierenden demokratischen Strukturen hineingeboren wurde. Diese Strukturen geben uns als Gemeinde die Freiheit und den Spielraum, uns für Gerechtigkeit in unserem Land und darüber hinaus einzusetzen und zu helfen, an einer friedlichen Gesellschaft zu bauen. „Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit. Und der Friede Christi, zu dem ihr berufen seid in einem Leibe, regiere in euren Herzen; und seid dankbar.“ Kolosser 3, 14/15.